Das Mehregan-Fest – ein altes Fest des Iran
Vorwort: Die Feste des alten Iran
Der alte Iran besaß einen sehr reichen Festkalender und eine bedeutende Kultur der rituellen Feiern. Im Laufe des Jahres begingen die Menschen verschiedene Feste, die mit den Veränderungen der Natur, dem Beginn der Jahreszeiten, der Ernte, dem Sieg des Lichts über die Dunkelheit und der Verehrung göttlicher Wesen verbunden waren. Diese Feste dienten nicht nur der Freude. Sie standen auch in engem Zusammenhang mit Landwirtschaft, Ethik, religiösen Vorstellungen, familiären Beziehungen und der gesellschaftlichen Ordnung.
Zu den bekanntesten Festen des alten Iran gehören Nowruz, Sadeh, Tirgan, Mehregan, Abangan, Deygan, Spandarmadgan oder Sepandarmadgan und Tschahar Schanbe Suri. Viele dieser Bräuche haben ihre Wurzeln in den vorislamischen Traditionen Irans, insbesondere in der zoroastrischen Kultur. Im Laufe der Jahrhunderte entwickelten sie sich jedoch weiter, und einige werden bis heute unter den Iranern und anderen Völkern des iranischen Kulturraums gefeiert.
Im alten iranischen Kalender hatte jeder Tag des Monats einen eigenen Namen. Wenn der Name eines Tages mit dem Namen des Monats übereinstimmte, wurde dieser Tag als Festtag begangen. So wurde beispielsweise der Tir-Tag im Monat Tir als Tirgan, der Aban-Tag im Monat Aban als Abangan und der Mehr-Tag im Monat Mehr als Mehregan gefeiert. Diese Einteilung zeigt, dass Feste ein regelmäßiger und wichtiger Bestandteil des alltäglichen Lebens und des iranischen Kalenders waren.
Unter diesen Festen nahmen Nowruz und Mehregan eine besonders herausragende Stellung ein. Nowruz war das Fest des Frühlings und der Erneuerung der Welt, während Mehregan als Fest des Herbstes, der Ernte, der Freundschaft, des Versprechens und der Gerechtigkeit galt. Wenn Nowruz die Geburt und das Erwachen der Natur symbolisierte, stand Mehregan für Reife, Überfluss und Dankbarkeit gegenüber der Erde.
Was ist Mehregan?
Mehregan ist eines der ältesten und bedeutendsten iranischen Feste. Es wurde zu Ehren von „Mithra“ oder „Mehr“ gefeiert. Im alten iranischen Kulturverständnis bedeutete Mehr nicht nur Liebe und Zuneigung. Der Begriff umfasste auch Vertragstreue, Wahrheit, Licht, Schutz, Loyalität und Gerechtigkeit.
In den alten iranischen Vorstellungen war Mithra eine bedeutende göttliche Gestalt und der Hüter der Verträge. Wer sein Versprechen brach, beging aus ethischer und religiöser Sicht ein schweres Unrecht. Deshalb war Mehregan nicht nur ein Fest der Ernte und der Natur, sondern auch eine Gelegenheit, sich an Werte wie Wahrhaftigkeit, Treue, Gerechtigkeit und Freundschaft zu erinnern.
Nach dem heutigen Kalender wird Mehregan gewöhnlich am zehnten Tag des Monats Mehr gefeiert. Im alten Kalender hieß dieser Tag „Mehr-Tag“ und fiel mit dem Monat Mehr zusammen. Früher war Mehregan nicht immer auf einen einzigen Tag beschränkt; in vielen Epochen dauerte das Fest mehrere Tage. Der Beginn wurde „allgemeines Mehregan“ und der Abschluss „besonderes Mehregan“ genannt.
Das Alter des Mehregan-Festes
Der genaue Beginn des Mehregan-Festes lässt sich nicht mit Sicherheit bestimmen, da seine Wurzeln in eine sehr ferne Zeit zurückreichen, aus der nur wenige schriftliche Zeugnisse erhalten sind. Forschende betrachten Mehregan jedoch als einen sehr alten Brauch der iranischen und indo-iranischen Völker, der vermutlich bereits vor der Zeit der Achämeniden bestand.
Der Name Mehr erscheint in Teilen des Avesta, des heiligen Textes der Zoroastrier. Der Mihr Yasht ist ein wichtiger Abschnitt des Avesta, der zu Ehren Mithras verfasst wurde. Er zeigt die hohe Stellung dieser göttlichen Gestalt in den alten iranischen Vorstellungen. Die Existenz eines solchen Textes weist darauf hin, dass die Verehrung Mithras eine sehr lange Geschichte besitzt.
Auch zwischen Mithra im iranischen Kulturraum und den religiösen Vorstellungen des alten Indien bestehen bestimmte kulturelle Verbindungen. In der vedischen Tradition Indiens gibt es eine Gottheit namens „Mitra“, die als sprachlich und inhaltlich mit dem iranischen Mehr verwandt gilt. Diese Gemeinsamkeiten zeigen, dass die Vorstellung einer Gottheit des Vertrages und des Lichts bei den indo-iranischen Völkern eine sehr alte Geschichte hatte.
Während verschiedener Epochen der iranischen Geschichte, besonders unter den Achämeniden, Arsakiden und Sassaniden, besaß Mehregan große Bedeutung. Historische und literarische Quellen berichten, dass Könige und das Volk an diesem Tag feierten, Geschenke austauschten, neue oder saubere Kleidung trugen und prächtige Zeremonien veranstalteten. Nach manchen Überlieferungen fanden auch am Königshof besondere Feierlichkeiten statt, bei denen die Menschen Glückwünsche überbrachten und Geschenke darbrachten.
Auch nach der Ausbreitung des Islam im Iran verschwand Mehregan nicht vollständig. Zahlreiche persische Dichter und Schriftsteller, darunter Ferdowsi, Manutschehri, Farrochi Sistani und Masud Sa’d Salman, erwähnten das Fest in ihren Werken. Diese vielfältige Präsenz in der persischen Literatur zeigt, dass Mehregan noch viele Jahrhunderte nach dem alten Iran einen festen Platz im Leben und im kulturellen Gedächtnis der Iraner hatte.
Mehregan und die Geschichte von Fereydun und Zahhak
Eine der bekanntesten Erzählungen über Mehregan ist der Sieg Fereyduns über Zahhak. Im Schahnameh von Ferdowsi wird Zahhak als ein tyrannischer Herrscher dargestellt, der das Volk durch Unterdrückung und Blutvergießen beherrschte. Schließlich erhob sich der Schmied Kaveh, der über Zahhaks Grausamkeit empört war, und versammelte das Volk um sich. Gemeinsam unterstützten sie Fereydun im Kampf gegen den Tyrannen.
Fereydun siegte über Zahhak und ließ ihn am Berg Damawand in Ketten legen. Nach einigen iranischen Überlieferungen ereignete sich dieser Sieg am Mehr-Tag des Monats Mehr, woraufhin das Volk ein großes Freudenfest feierte. Deshalb gilt Mehregan auch als Symbol für den Sieg der Gerechtigkeit über die Tyrannei und der Freiheit über die Unterdrückung.
Diese Erzählung besitzt neben ihrer mythischen auch eine wichtige ethische Bedeutung: Eine Gesellschaft darf angesichts von Unrecht nicht schweigen. Die Einheit des Volkes sowie Mut und Gerechtigkeit können die Tyrannei überwinden. Aus dieser Sicht ist Mehregan auch ein Fest des Widerstands gegen Unterdrückung und des Strebens nach Gerechtigkeit.
Bräuche und Feierlichkeiten
Die Menschen reinigten ihre Häuser, trugen neue oder saubere Kleidung und besuchten Verwandte und Freunde. Sie deckten eine besondere Festtafel, auf der Speisen, Herbstfrüchte, Blumen, wohlriechende Essenzen und Symbole der Freude und des Überflusses lagen.
Historische Berichte erwähnen eine besondere Mehregan-Tafel oder einen festlichen Mehregan-Tisch. Darauf konnten Granatäpfel, Äpfel, Weintrauben, Jujuben, Trockenfrüchte, Süßigkeiten, Rosenwasser, duftende Blumen und traditionelle Getränke liegen. Auch Purpur-, Rot- und Gelbtöne standen mit Mehregan in Verbindung, da sie an das Herbstlaub, das Sonnenlicht und die Fülle der Ernte erinnern.
Ein wichtiger Bestandteil des Festes war die Dankbarkeit gegenüber der Natur. Mehregan wurde im frühen Herbst und nahe der Erntezeit vieler landwirtschaftlicher Erzeugnisse gefeiert. Bauern und Familien freuten sich über die Früchte ihrer Arbeit und den Segen der Erde und teilten diesen Überfluss mit anderen.
Auch das Schenken gehörte zu den Bräuchen von Mehregan. Die Menschen machten einander Geschenke; Könige und wohlhabende Personen beschenkten ihre Angehörigen und Bedürftige. Dieses Verhalten symbolisierte Freundschaft, Großzügigkeit und die Stärkung gesellschaftlicher Beziehungen.
Mehregan in der zoroastrischen Tradition
Unter den Zoroastriern im Iran und in anderen Teilen der Welt besitzt Mehregan bis heute große Bedeutung. Zoroastrier begehen diesen Tag mit Gebeten, Zusammenkünften, dem Vortrag von Abschnitten aus dem Avesta, Besuchen bei Familie und Freunden sowie mit dem Aufstellen einer Mehregan-Festtafel.
In der zoroastrischen Tradition ist Mehr eng mit Wahrheit und Vertragstreue verbunden. Die Feier von Mehregan erinnert daher an die Verantwortung des Menschen für seine Worte, Taten und Versprechen. Ein guter Mensch soll in dieser Vorstellung die Wahrheit sagen, seine Versprechen halten und anderen mit Gerechtigkeit begegnen.
Die drei bekannten zoroastrischen Grundsätze – gute Gedanken, gute Worte und gute Taten – stehen in enger Verbindung zu den Werten von Mehregan. Das Fest erinnert daran, dass wahre Freude nicht nur in Feiern und Speisen liegt, sondern auch darin, Gutes zu tun, Freundschaften zu bewahren und Gerechtigkeit zu achten.
Mehregan in der persischen Literatur
Mehregan nimmt in der persischen Dichtung einen bedeutenden Platz ein. Iranische Dichter verwendeten dieses Fest, um den Glanz des Herbstes, die Farben der Natur, festliche Zusammenkünfte, Freude und Großzügigkeit zu beschreiben. In der persischen Literatur wird Mehregan häufig zusammen mit Nowruz genannt – den beiden großen Festen, von denen eines den Frühling und das andere den Herbst symbolisiert.
Ferdowsi erwähnt im Schahnameh den Sieg Fereyduns über Zahhak und die Feier von Mehregan. Auch Hofdichter der samanidischen, ghaznawidischen und seldschukischen Zeit priesen Mehregan anlässlich höfischer Feiern und des Beginns des Herbstes.
Seine häufige Erwähnung in literarischen Werken zeigt, dass Mehregan nicht nur ein religiöses oder lokales Ritual war, sondern ein fester Bestandteil der iranischen Allgemeinkultur und der künstlerischen Vorstellungskraft.
Die Bedeutung von Mehregan in der Gegenwart
Heute wird Mehregan unter Zoroastriern und von vielen Menschen gefeiert, die sich für die alte iranische Kultur interessieren. Im Iran und in einigen anderen Ländern finden kulturelle und familiäre Zusammenkünfte statt. Die Teilnehmenden ehren das Fest mit Gedichten, Musik, Gebeten, festlich gedeckten Tischen und farbenfroher Kleidung.
Obwohl Mehregan heute nicht in demselben Umfang wie Nowruz gefeiert wird, bleibt es ein wichtiges Zeichen der Verbundenheit der Iraner mit ihrer Geschichte und ihrer alten Kultur. Die Wiederentdeckung von Mehregan kann zu einem besseren Verständnis iranischer Werte beitragen, darunter Nächstenliebe, Loyalität, Gerechtigkeit, Achtung vor der Natur und Dankbarkeit.
Schlussfolgerung
Mehregan ist eines der ältesten und bedeutendsten Feste Irans. Seine Geschichte reicht in eine sehr ferne Vergangenheit zurück. Ursprünglich war das Fest mit der Verehrung Mithras, des Gottes der Verträge und des Lichts, verbunden. Im Laufe der Geschichte erhielt es jedoch weitere Bedeutungen: Es wurde zu einem Fest der Ernte, der Freundschaft, der Großzügigkeit, des Sieges der Gerechtigkeit über die Unterdrückung und der Dankbarkeit gegenüber der Natur.
Die Geschichte von Fereydun und Zahhak, die Mehregan-Festtafel, die Bedeutung Mithras im Avesta und die starke Präsenz des Festes in der persischen Literatur zeigen seine große Bedeutung in der iranischen Kultur. Mehregan erinnert daran, dass eine Gesellschaft durch Wahrheit, Güte, Vertragstreue und den Widerstand gegen Unrecht menschlicher und beständiger wird.
Ein Gedicht über Mehregan, Fereydun und Zahhak
Mehregan der Gerechtigkeit
Als Mehr auf goldenem Wagen kam,
erstrahlte die Sonne über Feld und Damm.
Die Welt trug Rubin und feuriges Licht,
der Duft reifer Trauben lag im Gesicht.
Aus Gärten voll Granat und altem Wein
stieg froher Gesang von Groß und Klein.
Doch mitten im Land, in dunkler Zeit,
herrschte Zahhak voll Grausamkeit.
Zwei schwarze Schlangen, wie Rauch so schwer,
trugen sich drohend auf seinen Schultern her.
Sie fraßen das Hirn der Kinder dahin
und brachten Verzweiflung über Gewinn.
Kein Schrei einer Mutter fand noch Gehör,
kein Vater vermochte zu wehren sich mehr.
Da erhob sich Kaveh, vom Leid entbrannt,
und rief auf dem Markt durch das ganze Land.
Sein Lederschurz wurde zum Banner gemacht,
das Volk war erwacht aus der Finsternisnacht.
Er rief: „Ihr Männer mit mutigem Sinn,
gebt euch nicht länger der Dunkelheit hin!“
Fereydun, der Jüngling, gerecht und klar,
erhob sich wie Licht, das im Morgen war.
Mit mächtiger Keule und festem Mut
zog er zum Palast des Tyrannen und Wut.
Die Erde erbebte vom Schritt seines Rosses,
der Himmel erklang vom Ruf des Trosses.
Zahhak, der Tyrann, wurde schließlich besiegt,
die Finsternis wich, das Volk war befreit.
Am Damawand lag er in eisernen Banden,
damit seine Plagen ein Ende fanden.
Da stieg am selben Tag Mehr empor,
und Freude erklang aus jedem Tor.
Mit Blumen, Granatäpfeln und Bechern voll Wein
lud man zum Mehregan-Fest alle ein.
Die Welt gab der Gerechtigkeit Raum,
und Freiheit erblühte wie ein Traum.
Auch heute, wenn Mehr durch den Herbstwind zieht,
gedenkt man der Geschichte in einem Lied:
Wo Liebe und Treue das Herz bewacht,
wird schließlich besiegt die tyrannische Nacht.
Farzaneh Emadi
Zum Hintergrund des Gedichts
Das Gedicht bezieht sich auf das alte iranische Fest Mehregan, ein Herbstfest zu Ehren von Mehr, dem Symbol für Licht, Freundschaft, Wahrheit und Vertragstreue.
Im Mittelpunkt steht die mythische Geschichte von Fereydun, der gemeinsam mit dem Schmied Kaveh gegen den grausamen Tyrannen Zahhak kämpft. Zahhak unterdrückt das iranische Volk und wird in den Überlieferungen mit zwei Schlangen auf seinen Schultern dargestellt. Fereydun besiegt ihn und lässt ihn am Berg Damawand fesseln.
Dieser Sieg gilt als Sinnbild für den Triumph der Gerechtigkeit und Freiheit über Tyrannei und Unterdrückung. Deshalb feiern die Menschen im Gedicht Mehregan mit Blumen, Früchten, Musik und Freude.
Das Mehregan-Fest – ein altes Fest des Iran




