Interview mit Helmut Brandstätter bei der Demo der patriotischen Iranerinnen und Iraner in Wien am 14.06.2026
Am 14.06.2026 hielt der EU-Abgeordnete Helmut Brandstätter im Rahmen einer Demonstration patriotischer Iranerinnen und Iraner am Heldenplatz in Wien eine Rede und beantwortete anschließend Fragen der Teilnehmenden.
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Fragestellerin: Ich darf heute Herrn Doktor Brandstätter bei uns begrüßen. Wir machen ein kurzes Interview mit Herrn Doktor Brandstätter. Herr Doktor, Sie sind seit Jahren in engem Kontakt mit der iranischen Diaspora in Österreich. Ich möchte Sie fragen:
Was hat Sie am meisten persönlich geprägt, und wie hat sich diese Beziehung über die Jahre weiterentwickelt?
Helmut Brandstätter: Danke für die Einladung. Ich komme immer wieder gerne zu Ihnen.
Ich bin ja ein Jungpolitiker. Sieht man, glaube ich, nicht. Aber ich bin schon ein bisschen länger auf der Welt und habe dort drüben an der Universität Wien in den 1970er-Jahren Jus studiert.
Ich war auch Vorsitzender der Hochschülerschaft und hatte damals schon viele gute Kontakte mit iranischen Studentinnen und Studenten. Wobei ich dazu sagen muss: Da waren auch nicht wenige dabei, die dem Regime in Teheran sehr kritisch gegenüberstanden.
Und dann, nach 1979, sind dann, wie man sich vorstellen kann, sehr viele auch als Flüchtlinge vor den Mullahs gekommen. Das hat mich immer sehr beeindruckt.
Ein altes Kulturvolk, das ja auch für unsere Kultur ganz wichtig war. Mit diesen Menschen Kontakt zu haben und dann auch zu erleben, dass, wenn man in Wien einen Arzt sucht, ich hier einen sehe, eine gewisse Wahrscheinlichkeit besteht, dass es ein iranischer Name ist — also ich habe gesehen, dass sich sehr viele Menschen hier angesiedelt haben.
Und dann, reiner Zufall: Als ich 1982 zum ORF gekommen bin, war die erste Geschichte, die man mir gegeben hat, eine über die Gemeinde der Bahá’í in Wien. Ich gestehe: Ich habe vorher nicht viel gewusst und habe dann, als ich für diese Geschichte recherchiert habe und mit vielen Bahá’í gesprochen habe, sehr viel dazugelernt.
Und dann natürlich auch als Journalist hatte ich immer wieder Kontakt. Als ich in die Politik gegangen bin, haben wir dann schon im österreichischen Nationalrat organisiert, dass wir Patenschaften für politische Gefangene übernehmen — und zwar für iranische politische Gefangene.

Aber es gab ja auch Doppelstaatsbürger. Es gab ja auch Österreicher, die hier gelebt haben und auch noch die iranische Staatsbürgerschaft hatten, verhaftet waren, im Gefängnis waren. Und da haben wir gemeinsam, natürlich auch mit dem Außenministerium, sehr viel unternommen — und es ist doch gelungen, einige Leute herauszubringen.
Was mich beeindruckt hat, waren die Gespräche danach, wenn die dann hier waren und sagten: Haben Sie davon gewusst? Ja — auch in einem schlimmen iranischen Gefängnis erfährt man, wenn es draußen in der Welt Menschen gibt, die an einen denken.
Deswegen hat mich das auch immer motiviert zu sagen: Ja, selbstverständlich müssen wir uns für diese Menschen einsetzen.
Und ich weiß, dass hier Menschen sind, die seit vielen Jahren in Österreich leben und sich Sorgen um ihre Verwandten im Iran machen. Da ist es für mich eine Selbstverständlichkeit, dass wir uns natürlich für diese Menschen einsetzen.
Fragestellerin: Danke. Das ist wirklich hoffnungsvoll, dass jemand an uns denkt, mit uns weitergeht, uns hört und etwas für uns tut.
Helmut Brandstätter: Ich möchte das auch wirklich überhaupt nicht parteipolitisch sehen. Selbstverständlich — gerade als wir diese Patenschaften gemacht haben, waren immer vier Parteien dabei. Eine Partei war nicht dabei. Sie können sich vorstellen, welche.
Und das muss ich leider auch sagen: Vor Kurzem habe ich im Europäischen Parlament eine Resolution initiiert für die Menschen im Iran — also gegen die Mullahs, gegen die Unterdrückung, für die Freilassung der politischen Gefangenen. Und die Mitglieder der FPÖ haben sich enthalten, haben nicht zugestimmt. Auch das muss man leider wissen.
Fragestellerin: Und meine nächste Frage wäre ein bisschen herausfordernd: Wie beurteilen Sie die Reaktion der österreichischen und der europäischen Politik auf den Protest im Jänner 2026 im Iran?
Helmut Brandstätter: Wie so oft muss ich leider sagen: Wenn ich auf die europäische Ebene gehe, wir könnten stärker sein, wenn wir stärker gemeinsam auftreten würden.
Wie gesagt, ich habe im Europäischen Parlament gesagt: Wann immer wir über den Iran sprechen — wir hatten auch eine eigene Diskussion nur über die Bahá’í, wir hatten auch Diskussionen über Religionsgemeinschaften, aber eben auch über den Iran —, gibt es bei einer Resolution, bei einer Debatte eine überwiegende Mehrheit. Wenn es dann um die Unterstützung des Iran geht, sind auch alle dafür, aber wahrscheinlich machen wir zu wenig.
Ich war vor Kurzem in Odessa beim Odessa Security Forum, vor zwei Wochen, und habe dort Reza Pahlavi getroffen. Er hat auch eine Rede gehalten, und wir haben danach ein Vier-Augen-Gespräch gehabt.
In seiner Rede hat er ein paar Dinge gesagt, die für uns sehr wichtig sind, nämlich auch für Europa. Er hat gesagt: Die Bedrohung der Ukraine durch Russland ist offensichtlich und besteht ja auch, zum Teil durch iranische Shahed-Drohnen. Und die Bedrohung Europas durch das iranische Regime ist ebenfalls offensichtlich.
Wir wissen — und daran arbeiten wir auch im Europäischen Parlament sehr viel —, dass viele der Sabotageakte in Europa, zum Teil gegen jüdische oder israelische Einrichtungen, aber auch andere, vom Mullah-Regime organisiert werden. Wir wissen das, und die Polizei und die Geheimdienste wissen das auch, aber leider sind die recht geschickt. Deswegen hat es diese Angriffe gegeben.
Reza Pahlavi hat sehr deutlich darauf hingewiesen, dass wir alle ein gemeinsames Interesse haben. Ein freier Iran und eine Ukraine, die sich gegen Russland wehrt, sind beide Garantien für ein friedliches Europa. Deswegen war es gut, dass er dort war. Er hat natürlich auch großen Applaus bekommen.
Und dann haben wir natürlich auch noch darüber gesprochen, was mehr zu tun ist.
Er hat in seiner Rede auch gesagt, er versteht, dass kein Land „troops on the ground“, also Soldaten, in den Iran schicken will. Er hat gesagt: Das sind die Iranerinnen und Iraner, die sind die troops on the ground. Sie müssen alles dafür tun, um sich zu befreien.
Aber ich sehe auch dieses eine Schild, auf dem von den 40.000 Ermordeten in wenigen Tagen die Rede ist. Auch das ist natürlich eine Realität. Ich glaube, das Erste, und das habe ich schon mehrfach angemerkt, wäre, dass die 27 EU-Außenminister gleichzeitig diese iranischen sogenannten Diplomaten vorladen müssten. Wir müssen natürlich auch die iranischen Botschaften verkleinern, und der Druck — es gibt diese Sanktionen — muss aufrechterhalten werden.
Leider beobachten wir das ja auch, und im Moment wissen wir gar nicht, was bei den Verhandlungen zwischen Iran und den USA passiert. Leider sehen wir, dass Trump in manchen Dingen nachgibt, und ich wundere mich, dass er nachgibt. Auch da müsste Europa stärker mit den USA werden.
Wir sehen ja, dass die USA, als sie auch Teheran bombardiert haben und dann die Straße von Hormus gesperrt war, zu den Europäern gekommen sind und gesagt haben: „Wir brauchen euch auch.“
Daran sieht man ja, dass wir zusammenhalten müssen, dass wir nur gemeinsam eine Chance haben. Die Hoffnung besteht, dass Trump das versteht, und die Hoffnung besteht auch, dass die europäischen Regierungen stärker zusammenarbeiten und die Unterstützung des Iran, aber gleichzeitig auch die Bekämpfung des Regimes noch stärker, deutlicher und klarer wird.
Fragestellerin: Ja. Danke. Das erwarten wir natürlich auch von Österreich und Europa, dass sie mehr tun. Und eine letzte Frage: Wenn Sie über einen freien Iran gesprochen haben, was gibt Ihnen persönlich Hoffnung, wenn Sie an den freien Iran denken?
Helmut Brandstätter: Was mir immer Hoffnung gibt, ist, ich war jetzt schon länger nicht im Iran, auch wenn ich dort mit Menschen gesprochen habe, aber ich war in den letzten Jahren sehr oft in der Ukraine. Und was mich dort so beeindruckt hat, ist, dass es so viele Menschen gibt, die für ihre Freiheit kämpfen.
Das ist für uns selbstverständlich geworden. Wir können uns hier treffen, Sie können hier Veranstaltungen machen, Sie können, wenn Sie wollen, ich sage mal höflich kritische Worte über mich, die Bundesregierung oder jeden anderen sagen. Keiner ist in Gefahr. Wir leben hier in Freiheit. Wir sollten sehr dankbar dafür sein.
Es ist aber uns ist aber nicht bewusst, dass das überhaupt nicht selbstverständlich ist — und dass auch, und das sage ich vor allem den jungen Leuten, meine Generation nichts dafür tun musste, dass wir in Freiheit leben konnten. Die nächste Generation wird möglicherweise mehr dafür tun müssen.
Und das ist für mich wichtig: dass wir von diesen Ländern, von der Ukraine, auch vom Iran lernen. Menschen gehen auf die Straße, Menschen lassen es sich nicht gefallen. Menschen tun alles dafür, damit sie in Freiheit leben können — möglicherweise auch ihre Kinder in Freiheit leben können.
Ich habe auch das gesehen bei der Fußballweltmeisterschaft. Wir wissen, dass zuletzt gerade im Iran Fußballer verhaftet wurden, und zwar 44. Zum Teil wurden sie unter absurden Vorwürfen verurteilt, et cetera.
Wir müssen da den Druck verstärken. Wie gesagt, das ist auch meine Erfahrung aus Gesprächen mit Menschen, die aus dem Gefängnis gekommen sind. Die Menschen hören es dort. Wir müssen mehr machen. Wir müssen deutlicher werden, Sanktionen verstärken.
Und ich kann nur sagen: Im Europäischen Parlament gibt es eine sehr große Mehrheit dafür. Das iranische Volk ist nicht nur nicht vergessen, ganz im Gegenteil — es gibt große Aufmerksamkeit dafür. Es waren auch unterschiedliche Vertreterinnen und Vertreter der Opposition bereits in Brüssel und Straßburg. Reza Pahlavi ist eingeladen. Ich hoffe, dass es auch zu diesem Treffen kommt.
Wir müssen, das habe ich auch mit ihm besprochen, den Austausch verstärken. Und die Leute im Iran müssen das Gefühl haben, sie sind nicht vergessen, sondern sie kämpfen dort natürlich, aber sie wissen, dass sie von außen sehr viel Unterstützung erfahren.
Ich kann nur versprechen, das bisschen, was ich dazu beitragen kann — aber es müssen sehr viele mehr dazu beitragen.
Wie gesagt: Im Europäischen Parlament gibt es eine große Mehrheit, und das wird sich auch nicht ändern. Darüber bin ich sehr froh.
Fragestellerin: Vielen Dank. Danke schön.
Eine Person aus dem Publikum fragt: Warum schließen Sie nicht die Botschaft der Mullahs?
Helmut Brandstätter: Es gibt immer die Argumentation: Würden wir, oder würde Österreich, oder ein europäisches Land hier die Botschaft schließen, dann würden auch alle österreichischen Diplomaten aus Teheran hinausgeworfen werden.
Ja, das muss ich aber fairerweise sagen: Auch bei der Befreiung von manchen Österreichern, die im Iran im Gefängnis waren, hat der österreichische Botschafter dort eine Rolle gespielt und mitgeholfen.
Es kann sehr wohl notwendig sein, dort zumindest einen Diplomaten zu haben. Ich glaube, dass die EU es besser unter sich absprechen müsste. Das glaube ich schon.
Aber dass wir dort auch noch Leute haben, die für Menschen kämpfen, die dort im Gefängnis sind, das glaube ich, ist noch notwendig.
Eine Person aus dem Publikum: Seit fast 50 Jahren hat die Diplomatie in diesem Land nichts bewirkt. Ja. Einfach gescheitert. Diplomatie ist gescheitert.
Helmut Brandstätter: Ich weiß, es ist schwierig. Ich weiß, es gibt Argumente dagegen. Ich sage nur, dass ich glaube, dass es im Moment noch Sinn macht.
Aber ich bin für jede Kritik und alle anderen Argumente natürlich offen. Trotzdem glaube ich, dass es im Moment noch Sinn macht.
Danke schön.
Interview mit Helmut Brandstätter bei der Demo der patriotischen Iranerinnen und Iraner in Wien am 14.06.2026




